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BeitragVerfasst: Mo 17. Dez 2007, 06:16 
Auf Focus Online gibt es wieder eine hitzige Debatte über Mindestlohn.
Dieses Mal wurde der Artikel so hingestellt, wie wenn es da um "Fahrradkuriere" gehen würde.

Ich wollte dann eine etwas längere Antwort schreiben, hab` aber zu spät germerkt, daß das Forum bei denen nur 800 Zeichen zulässt.
Mein Beitrag wird daher jetzt wahrscheinlich nur zerhackt freigeschaltet oder gar nicht. Daher stelle ich den Text hier noch rein. Ich hoffe, daß ich drüben noch einen Link hierher setzen kann, denn nur ein paar Sätze schreiben zu dürfen, ist bei dem Thema wirklich zu wenig.

Der Artikel um den es geht ist hier:
http://www.focus.de/finanzen/news/minde ... 29420.html

Mein Text ist Folgender.
Ich würde mich um Rückmeldung und eigene Meinungen von Euch zu der Sache sehr freuen.

--------

"Leicht verzerrend

Dieser Artikel mit dem Fahrradkurier-Bild verzerrt leider etwas die Realität. Die wenigen echten Fahrradkuriere die es in Deutschland gibt, sind nämlich so gut wie alle selbständig und kriegen von irgendwelchen Mindestlohnverhandlungen deshalb auch so gut wie gar nichts mit.
Es betrifft uns nicht, zumindest nicht direkt.
Leider meinen aber immer wieder alle, daß wir davon betroffen sind, was mir auch einige Besucher im Fahrradkurier-Forum offenbaren.
Kaum jemand weiß, daß wir alles Selbständige sind.
Da wird in der Öffentlichkeit ein Bild geschaffen, das dem Bürger verzerrte heile Zustände propagieren soll, die jedoch leider wie meistens gar nicht existent sind.

- Fakt ist, daß es einige selbständige Radkuriere in den großen Städten gibt, die ihre 10-20 Euro pro Stunde netto verdienen.
- Fakt ist aber auch, daß es noch viel mehr andere gibt, die nur 5-10 Euro Brutto die Stunde machen, überhaupt keine Versicherungen haben und von dem Geld auch noch ihre gesamte Ausrüstung bezahlen und da kommt gerade im Winter Einiges zusammen. Ohne Gore-Tex bist Du ein toter Mann bei Eisregen und 12 Stunden in der Kälte, bei Wind und 130 Kilometern in den Beinen! - Kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld, kein Geld bei Krankheit und Verdienstausfall aufgrund technischer Defekte usw. Diese Leute profitieren nicht im Geringsten von den Verhandlungen, das muß gesagt sein! - Die kriegen auch danach noch weniger als den Mindestlohn!

Die Lebenshaltungskosten stiegen die letzten Jahre nach Einführung auf den Euro deutlich an, aber die Preise im Kuriergewerbe gingen teilweise sogar noch runter. Warum? - Nicht, weil die Kuriere alle so blöd sind und nichts gelernt haben, nein! Die meisten Kuriere sind hochintelligent, viele haben ein abgeschlossenes Studium, andere studieren noch nebenbei, wieder andere haben ihre qualifizierte Berufstätigkeit aufgehört zugunsten der Arbeit im Freien, das hat damit also gar nichts zu tun. Ohne ihren Intellekt könnten diese Menschen schon lange gar nicht mehr existieren.
Der einzige Grund, warum wir die Preise kaum erhöhen können, ist wegen den meisten Kunden.
Die Kunden können sich nämlich teilweise bei höheren Preisen die Kuriere überhaupt nicht mehr leisten und müssen dann entweder ihre Aufträge selber fahren oder den Laden zusperren und so viele Kunden zu verlieren können sich wiederum die Kurierdienste nicht leisten. Ein logischer Kreislauf, alles hängt zusammen. Die Kunden sind so arm teilweise, die stehen am Rande des Bankrotts, können nur überleben mit Kurieren. Was machen sie? - Sie bestellen die Billgsten, logisch! - Dadurch verlieren die teureren Anbieter mit besserem Service ihre Kunden - auch logisch. Und so fällt es dann wiederum einzelnen Kurierdiensten oft so schwer, die Preise auch nur ein bisschen anzuheben. Ein Teufelskreis, der das gesamte Niveau des Kurierbusiness ruiniert.

Vielen Kunden wird es irgendwann völlig egal, daß Kuriere zum Großteil nur wenige Jahre fahren und dann fix und fertig aussteigen müssen aus gesundheitlichen Gründen, weil sie selbst im Überlebenskampf sind.
Sie wissen nicht, was es heißt, Kurier zu sein und sie haben auch gar keine Zeit, sich darüber zu informieren und darüber richtig nachzudenken.
Andere könnten zwar vielleicht mehr zahlen, wollen aber aus eigennützigen Gründen dennoch nur die Billigen haben und erwarten von denen noch dazu die selbe Leistung wie von der höheren Klasse oder sogar noch mehr. Daß die Angehörigen dieser letzteren Kundenklasse mit dieser Einstellung im Endeffekt über ihre Sozialabgaben dann auch wieder reinzahlen in die gescheiterten Existenzen des Kuriergewerbes, interessiert sie wohl nicht oder es ist ihnen oft gar nicht bewusst. Sie bezahlen effektiv für ihre Knausrigkeit auch wieder rein in das System. Muß das sein?

Es ist die Gesamtsituation hier in Deutschland, die dieses Desaster mit den kleinen Löhnen für Kuriere hervorbrachte. Geradezu verrückt finde ich diese neue Gewerkschaft GNBZ, die nun die Mindestlöhne für ihre Branche unter einem niedrigerem Niveau durchdrücken will. Diese Gewerkschaft ist in meinen Augen eine scheinheilige Erfindung, wahrscheinlich instrumentalisiert durch die eigentlichen Arbeitgeber. Welcher Arbeiter verpasst sich schon freiwillig einen kleinen Lohn? - Da zahlt doch unter dem Strich das Arbeitsamt sowieso mehr wie die kriegen. Man muß auch den Verpflegungsmehraufwand berücksichtigen und der ist gerade bei diesen körperlichen Arbeiten sehr beachtlich.
Wenn ich mich tagelang nur vor den Pc setze, komme ich auch mit einer Schüssel Haferflocken, einem Teller Nudeln und einer Banane pro Tag aus. Wenn ich Kurier fahre, brauche ich aber 450-600 Euro pro Monat für Essen. Wirklich Geld verdient ist in dem Sektor sowieso nicht. Da müssten wir schon alle 20 oder 25 Euro die Stunde bekommen, wenn man alle Umstände und Mehrausgaben beachtet.
Im Prinzip ist es das Beste was passieren kann, wenn die ganzen Niedriglöhner nun endgültig den Laden dicht machen müssen, denn dann merken die besser Situierten hier im Lande mal, daß sie auf diese Branche angewiesen sind wie auf kaum eine andere.
Meiner Ansicht nach braucht diese neuen Briefdienste wie die PINAG aber auch sowieso keiner. Sie sind eine dumme Erfindung. Das Monopol der Post hat x-Jahre funktioniert, also wozu überhaupt die Billiglöhner zulassen? Ich war von Anfang an dagegen. Jetzt ziehen sie auch noch das Fahrradkuriergewerbe nach unten über irgendwelche Ecken und Kanten, obwohl wir mit denen eigentlich gar nichts zu tun haben. Fürchterlich ist das! Das Postmonopol gehört wieder eingeführt, jawoll!

Es wird Zeit, daß man gerade auch dem Transportgewerbe wieder mehr Vertrauen und Beachtung schenkt.
Die Leute können ihre Arbeit nur gut machen, wenn man sie ordentlich bezahlt.
Ohne Kuriere kein Deutschland.
Die Leute gehören zum Grundkapital dieser Nation.
Wenn die wegknicken, können sie hier alle in den Urwald auswandern.

Wie gesagt, ich Fahrradkurier bin von den 7,50 nicht betroffen, auch wenn das hier so aussieht. Mein Einkommen richtet sich nach dem, was ich bereit bin dafür zu tun und wie viele Kunden sich unsere Preise gerade leisten können. Manchmal mehr, manchmal weniger.
Eine Message hier nur noch als jemand, der sich angesprochen fühlte durch das Auftreten vom BdKEP: Man darf den schwarzen Peter hier nicht immer bei den Arbeitgebern der Kurierfahrer suchen, die haben nämlich oft auch keinen Cent mehr oder sind schon verschuldet. Der schwarze Peter sitzt hier ganz woanders und ist bei den Menschen zu suchen, die den Sozialstaat ausnützen oder menschenverachtend von oben handeln.

Wenn das Kuriergewerbe kein Geld verdient hat, wer dann?

MfG."

edit: Der Link zum Forum wurde von Focus leider abgelehnt, weil Links laut ihrer Netiquette nicht erlaubt sind. So steht jetzt nur der oberste Teil drin.


Zuletzt geändert von kokosadun am Mo 17. Dez 2007, 12:33, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: Mo 17. Dez 2007, 12:21 
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Registriert: Fr 9. Jun 2006, 07:18
Beiträge: 992
Woher weißt du das eigentlich mit den "armen Kunden"? Mein Eindruck ist das nämlich nicht, aber das muss ja nichts heißen.

Die Post und ob das Monopol "funktioniert" hat ist wieder ein anderes Thema, aber was ich so aufgeschnappt habe, hat es v.a. für den Konzern "Deutsche Post" gut funktioniert, was wie wir ja wissen nicht unbedingt diejenigen miteinschließt die die eigentliche Arbeit machen.

"1€-Jobs" bei der Konkurrenz sind da sicher keine Lösung, ist denke ich aber auch wieder ein anderes Thema. Hier wie dort geht es aber v.a. um Profit, nur die Mittel sind unterschiedlich. Es wäre natürlich effizienter, wenn jeder Briefkasten nur einmal angefahren würde, aber so ehrenwert, dass man das Postmonopol wieder einführen sollte, ist die Post wohl auch nicht unbedingt. Wenn, dann auch wieder verstaatlicht und ohne Gewinne, aber ob das jetzt die ideale Lösung wäre weiß ich nicht..

Annsonsten... Focus..... naja....... was will man erwarten..
"Nettiquette"...... :hahaha , blöder gehts ja nicht.


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BeitragVerfasst: Mo 17. Dez 2007, 20:59 
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Registriert: Fr 16. Jun 2006, 20:11
Beiträge: 32
im prinzip hast du recht. aber solltest nicht auf stammtischniveau argumentieren. das ist kontraproduktiv.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: Di 18. Dez 2007, 17:09 
ja schade da hätten sich die Kolegen aus Bonn ja freuenn könn bei 7,50€ <img src="http://www.fahrradkurier-forum.de/images/smiles/098.gif">


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